Bodensee Wirtschaftsforum mit dem Thema „Jobkiller oder Wachstumsmotor? Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt“ trifft einen Nerv der Zeit. Hoher Andrang im Kult-X am Dienstag, 21.04.2026
Das Thurgauer Wirtschaftsinstitut (TWI) hat alle Interessierten am Dienstag zum alljährlich stattfindenden Bodensee Wirtschaftsforum 2026 eingeladen und fast 90 Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmer haben sich in den Räumlichkeiten des Kult-X in Kreuzlingen versammelt. Der grosse Andrang zeigte, wie sehr das Thema „Künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt“ die Menschen bewegt. Stefan Niemann, Professor für Makroökonomie an der Universität Konstanz, und Volker Rath, Geschäftsführer eines IT-Solutions Unternehmens bei Ulm, gaben Einblicke in den aktuellen Stand der Forschung und der Praxis.
Stefan Niemann startete sein Referat mit einer Definition von Künstlicher Intelligenz der Europäischen Kommission aus dem Jahre 2018. Zusammengefasst handelt es sich bei KI um Computersysteme, die ihre Umgebung wahrnehmen, Informationen auswerten und eigenständig Entscheidungen treffen oder handeln, um vorgegebene Ziele zu erreichen. Die Verbreitung von GPT-Modellen (Generative Pre-trained Transformers) im Alltag in den letzten 25 Jahren und die Nutzung, Skalierung und Entwicklung der Verbreitung weltweit ermöglichte einen guten Überblick, wo die Schweiz und Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern und Regionen stehen. Die Geschichte zeigt: Länder, die neue Technologien annehmen und damit arbeiten, verzeichnen einen deutlichen Anstieg des „Pro‑Kopf‑Einkommens.“ Dies wird an der Grafik zum Anstieg des BIP der Philippinen und Süd-Korea verdeutlicht. Südkorea hatte im Jahr 2025 ein Pro-Kopf-BIP von fast 33.000 USD, während das Pro-Kopf-BIP der Philippinen zum selben Zeitpunkt bei nur knapp 4.000 USD lag. Beide Länder lagen nach den Krisen und Kriegen in den 1960er und 1970ern nahezu bei null. Im nächsten Schritt nahm Stefan Niemann eine Studie (2000-2020) aus den USA, um einen technologischen Wandel durch KI und deren Auswirkungen auf die Beschäftigungs- und Lohnentwicklung zu veranschaulichen. So haben sich direkte Effekte vor allem im Dienstleistungs-Sektor konzentriert. Insgesamt ist die Arbeitslosigkeit gestiegen. Unter niedrig qualifizierten Arbeitnehmern haben mehr Leute ihre Stelle verloren, und von den Betroffenen haben einige nicht mehr in die Arbeitswelt zurückgefunden. Auch auf die Einkommen hat sich die Einführung von KI ausgewirkt, so hatten fast alle Angestellten Lohneinbussen zu verzeichnen – einzig die Topverdiener unter den obersten 10% konnten eine Lohnerhöhung verzeichnen. Es gab kaum Unterschiede nach Geschlecht, jedoch waren die meisten negativen Effekte im Alterssegment 45+ zu sehen.
Nach diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen gab Volker Rath Einblicke aus der Praxis seines Unternehmens-Alltags. Er nahm die Perspektiven von Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Mensch in der Gesellschaft ein. In jeder Rolle geht es für ihn darum, sich im „digitalen Wald“ zurechtzufinden, zu reflektieren und sich zu hinterfragen hinsichtlich Kritikfähigkeit, Verantwortungsfähigkeit und Kreativität. Als entscheidenden Erfolgsfaktor für uns als Mensch sieht er unsere Resilienz. Mit dem Erkennen des richtigen Moments für Veränderung, einem lösungsorientiertem Blick nach vorn und unserer emotionalen Interaktionsintelligenz können wir auch in einer Welt mit KI bestehen. So kann er aus der Praxis berichten, wie er kleinen Handwerks-Unternehmen mit Hilfe von KI-Lösungen hilft, ihre eigentliche Tätigkeit – das Handwerk – effizient auszuüben. Viele kleine zeitintensive Tätigkeiten können durch KI ersetzt werden. Problemfelder waren unter anderem kommunikative Missverständnisse mit den Kunden, zu viele Notizen, Dokumentationen auf dem Bau oder Sprachbarrieren – diese Herausforderungen konnte er mit KI angehen. Künstliche Intelligenz sieht er klar als Beschleuniger in der Arbeitswelt. Die Zukunft wird in der Generierung von einfachen KI-Assistenten hin zu einem Coding-AI-Agent liegen, was mit der Tätigkeit eines Junior-Entwicklers gleichzusetzen ist. Man kann diese Agenten mit Hilfe von Daten so formen, dass sie nicht nur Antwort auf Anfragen geben können, sondern noch produktiver arbeiten bis hin zur Planung von weiteren Schritten und Nutzung von Werkzeugen.
Somit kann theoretisch jeder, auch ohne Ausbildung, zum Computer-Programmierer werden. Jedoch darf man bei dem ganzen Hype auch die Realität nicht ganz ausser Acht lassen. Es gibt auch viele Probleme und Risiken, die mit dieser Entwicklung einhergehen. Auch scheitert die öffentliche Verwaltung, gerade in Deutschland, im Moment noch an der Umsetzung des sogenannten „Digitalisierungsgesetz“ und kann mit dem gewünschten Tempo kaum Schritt halten. Das erkennt man auch an der gezeigten Statistik, die die Gesamtzahl der Haushalte mit Glasfaseranschluss veranschaulicht. So steht die Schweiz mit 46 % knapp über den 40% in Deutschland. Spitzenreiter sind Rumänien, Spanien, Bulgarien und Litauen mit über 90%.
KI kann ein Wachstumsmotor sein. Rath unterstreicht die Verantwortung der Menschen in diesem Wandel mit einer Aussage von Matteo Collina, einem bekannten Software-Entwickler: Demnach ist KI ein mächtiges Werkzeug – aber kein autonomer Entwickler. Der Mensch bleibt verantwortlich für Denken, Urteilen und Entscheiden.
In der spannenden und lebhaften Diskussion am Ende der beiden Vorträge nutzten der Moderator, Professor Urs Fischbacher vom Thurgauer Wirtschaftsinstitut und viele Gäste im Publikum die Gelegenheit, um ihre Fragen zu stellen. Dabei konnten die Experten jeweils aus ihrer Perspektiven, Wissenschaft und Praxis antworten. Fazit: Neue Berufsfelder werden sich in rasantem Tempo entwickeln. Bestimmte einfache Tätigkeiten werden durch KI ersetzt, dies kann eine Chance sein. Wenn man versucht, mit der Entwicklung mitzugehen und KI mitzudenken, kann man im Arbeitsalltag davon profitieren. Jedoch muss man sich darauf einstellen, sich immer wieder neu aufzustellen. In der Zukunft ist ein Hochschulabschluss kein Garant mehr für einen sicheren und hochbezahlten Beruf. Andere Fähigkeiten, die zum Teil noch nicht an Hoch- und Fachschulen gelehrt werden, gewinnen rasant an Bedeutung. Am Ende liegt es an uns, für welchen Weg wir uns entscheiden – lasse ich mir die Trauerrede von einem KI schreiben und vorlesen, oder von einem Menschen? Möchte ich das Gerichtsurteil eines KI-Systems oder soll das Urteil, die Entscheidung, ein echter Mensch fällen? Wer steht in der Verantwortung, wenn was schiefläuft? Das sind Fragen – die jeder Einzelne für sich beantworten muss. Hier ist nicht nur die Politik als Gesetzgeber, sondern sind auch wir als Gesellschaft entscheidend gefragt.
Der Nachbericht der Uni Konstanz zur Veranstaltung ist hier zu finden.

Volker Rath von Artiso, Prof. Urs Fischbacher, Institutsleiter TWI und Prof. Stefan Niemann von der Uni Konstanz